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Kostenloses eBook, KI-Stimme, Hörbuch: Kleine Dichtungen von Robert Walser

KI-Stimme Hörbuch: Kleine Dichtungen von Robert Walser

Hörbuch: Kleine Dichtungen von Robert Walser

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Hören Sie das Hörbuch: Kleine Dichtungen von Robert Walser

Brief eines Dichters an einen Herrn

Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie mich kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht weiß, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in mir auf, denn ich bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt, kennen gelernt zu werden. Ich bin außerordentlich unhöflich, und an Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu sehen, hieße, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen Sonderling vor Augen haben? Ihr liebenswürdiger Brief hat mich sehr gefreut. Doch Sie irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei Höflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von dem Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht zu Gesicht. Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige Artigkeit hervorkehren; und das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß artiges und manierliches Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht gern artig; es langweilt mich. Ich vermute, daß Sie eine Frau haben, eine liebe Frau, und daß Sie diese Ihrem Freunde gerne zeigen würden, wenn die Gelegenheit dazu geboten würde. Darf ich Sie bitten, sich doch mit mir nicht abzugeben? Mit meiner Freundschaft sind Sie nicht bedient. Ich habe nur wenig zu geben, und was ich habe, ist nichts Gutes. Darum bitte ich Sie, mich nicht aufzusuchen. Ich wohne hier in der Stadt, und doch bin ich kein Bewohner dieser Stadt. Ich bin wie ein Fremder unter Fremden. Man sagt mir, ich sei ein Dichter. Das mag sein. Aber was ist ein Dichter? Ist er nicht auch nur ein Mensch, und zwar ein Mensch, der all seinen Reichtum, all seine Kraft, all seine Liebe in Worte legen muß, die niemals genügen, niemals genügen können, das Innere auszusprechen, das er empfindet? Und ist das ein guter Handel? Ist das ein Grund, den man den Leuten gern zeigt und mit dem man sie gern bekannt macht?

Wenn Sie meinen, ein Dichter sei ein solcher Mensch, der über Dinge verfügt, die man nicht in der Hand halten kann, und über Erfahrungen, die man nicht nachmachen kann, so irren Sie sich. Ein Dichter ist auch nur ein Mann, der seine Tage und Nächte damit zubringt, zu suchen, zu fragen, zu hoffen, zu zweifeln, zu freuen und zu leiden. Und das alles ohne die Gewissheit, je zu finden, zu erfahren, zu hoffen, zu glauben, sich zu freuen und zu leiden, was er sucht, was er erfährt, was er erhofft, was er glaubt, was er sich freut und was er leidet. Darum meine ich, daß Sie sich mit mir nicht abgeben wollen.

Und wenn Sie mich doch sehen wollen, so sollen Sie wissen, daß ich nicht im Kaffeehause sitze, um die Leute zu beobachten und auf ihre Weise zu sein. Ich bin nicht gesellig, und ich habe keine Lust, meine Mitmenschen zu belauschen, um sie zu studieren. Ich bin ein einsamer Mann, und ich habe Lust, allein zu sein. Wenn Sie mich sehen wollen, so sehen Sie mich allein. Ich bin ein Mann, der seine Gedanken hat, und mit denen er sich beschäftigt. Ich bin ein Mann, der seine Arbeit hat, und die er verrichtet. Ich bin ein Mann, der sein Leben hat, und das er lebt. Das genügt.

Ich wohne in der Stadt, in einem kleinen Hause, das mir gehört. Ich habe darin ein Zimmer, das mein eigen ist. Dort sitze ich und schreibe. Das ist mein Leben. Darum bitte ich Sie, kommen Sie nicht zu mir. Sie werden keinen Gewinn davon haben. Wenn Sie etwas von mir wollen, so schreiben Sie mir. Ich antworte Ihnen gerne. Aber besuchen Sie mich nicht. Ich bin kein Mensch, den man besuchen soll. Ich bin kein Mensch, den man kennen lernen soll. Ich bin ein Dichter, und das ist alles.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster

[Hier steht kein Name mehr, der Name des Dichters wird also nicht genannt. Anmerkung der Transkription.]

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